Was ist Integraler Yoga?

Der Integrale Yoga  hat seinen Namen aus zwei Gründen: einerseits verbindet und integriert er in sich Elemente aus allen klassischen Yoga-Arten. Andererseits gibt es einen Transfer vom Yogaraum ins tägliche Leben und retour:  Yoga integriert sich tatsächlich in meine, deine, unsere Welt..

Genau in diesem Sinn sagte Swami Shivananda:

„Yoga ist in erster Linie ein Lebensstil, nicht etwas vom Leben Getrenntes. Yoga ist nicht das Aufgeben von Handlung, sondern ihre erfolgreiche Durchführung im richtigen Geist. Yoga ist nicht Weglaufen von Heim und menschlicher Behausung, sondern ein Vorgang der Entwicklung einer Einstellung Heim und Gesellschaft gegenüber mit neuem Verständnis.“

Der klassische Ashtanga Yoga …

Der klassische Ashtanga Yoga (der acht-teilge Yoga des Patanjali) ist ein umfassendes  Yoga-System, das  vor etwa 2000 Jahren im Yoga-Sutra niedergeschrieben wurde.  Ashtanga Yoga geht den Weg der Verwirklichung durch ein Entwickeln aller acht Bereiche in der Innen- und Außenwelt, im Tun und im Nicht-Tun. Wie das funktioniert, hat  Patanjali in kurzen, prägnanten Worten aufgeschrieben. Erfunden hat er (oder auch mehrere Autoren dieses Werkes) den Ashtanga Yoga nicht. Er ist uraltes Menschheitswissen, tradiert in einer Linie von Lehrern zu Schülern. Er trug lange Zeit  als edelster aller Yoga-Wege den Namen Raja Yoga, „königlicher Yoga“.

Die acht Bereiche dieses Ashtanga Yoga:

Yama = unser bestmöglicher Umgang mit unserer  Umwelt

Niyama = unser bestmöglicher Umgang mit uns selbst

Diese beiden ersten Teile betreffen das tägliche Leben in der Welt. Im Yoga-Sutra werden nur durch 10 einzelne Worte 10 verschiedene Bereiche  angesprochen. wie z.B.  ahimsa, was mit dem Wort Gewaltlosigkeit übersetzt werden kann. Es meint ein überlegtes, behutsames Umgehen mit allem, was lebt. Insbesondere mit den Lebewesen, die hilflos sind oder sich in Schwierigkeiten befinden. Diese 10 Worte entsprechen also 10 Verhaltensgeboten. Alles was sie ausdrücken, brachte Jesus auf den Punkt als er sagte “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Asanas =  die Praxis der Körperübungen

Die Körperübungen sind dazu da, die Gesundheit zu erhalten, Disziplin und Konsequenz zu entwickeln. Sie ermöglichen auch das Erfahren eines bestimmten Ernergiemusters, das Empfangen  der innewohnenden Botschaft des Asana.  Körperübungen  brauchen nicht auf akrobatische Weise ausgeführt werden, um ihre Wirkung zu entfalten. Die einzige Vorschrift dazu lautet: „sthirasukhamasanam“ – Körperübungen sollen stabil und bequem sein!

Pranayama = die Praxis der Atemübungen

Die Atemübungen dienen dem Energiefluss, der sich dadurch allgemein verbessert und auch gezielt lenken lässt. Ebenso dienen sie der Verstandeskontrolle, einer nötigen Voraussetzung für die folgenden Teile.

Pratyahara = das Nach-Innen-Ziehen der Sinne

Dharana = die Fähigkeit, unseren Geist auszurichten

Dhyana = die Fähigkeit, unseren Geist kontinuierlich in einer Verbindung mit dem, was wir verstehen wollen, bleiben zu lassen

Samadhi = die vollkommene Vereinigung mit dem, was wir verstehen wollen

Diese 4 Teile enthalten die wirkliche Wissenschaft des Yoga, in der die Übenden gleichzeitig Forscher und Forschungsobjekt sind.  Sie beschreiben das  schrittweise Verbessern der Konzentrationsfähigkeit, den Rückzug der Sinne nach innen und das Wahrnehmen des Friedens und der Stille in uns. Schließlich passiert wahre Meditation  und die Verwirklichung – das Verschmelzen mit unserer wirklichen, göttlichen Natur.

Und wie geht es weiter? Auch die Erleuchtung ist nicht Selbstzweck. Ein erleuchtetes Wesen fühlt seine Verantwortung im Leben noch weit mehr als wir es tun und setzt seine besonderen Fähigkeiten ein, um zu dienen, um anderen auf ihrem Weg weiterzuhelfen.  Erleuchtete wissen um ihre Göttlichkeit und können sie auch in allen und allem, was sie umgibt, sehen. Erst aus diesem  auf Erfahrung beruhenden Wissen lassen sich Yama und Niyama wahrhaft leben. Der Kreis schließt sich – Yoga geschieht.

 

… und andere Yoga-Arten

Unterschiedliche Menschen haben ganz unterschiedliche Yoga-Arten entwickelt, mit Schwerpunkten, die ihrem eigenen Naturell am besten entgegen kamen. Ein paar davon beschreibe ich hier näher und bringe sie mit dem „Achtteiligen Yoga“ in Bezug:

Menschen, die Hatha Yoga betreiben, wählen den Weg der Körper- und Atembeherrschung, sie arbeiten mit und an sich selbst. (Teile 3 und 4: Asanas  und Pranayama)

Karma Yoga, den Yoga der Tat (also der gelebten Liebe) betreiben praktisch veranlagte Menschen, die alleine das richtige Handeln für wichtig erachten.  Sie versuchen, ihre Taten und Projekte  Gott zu weihen ohne sich über sogenanntes Gelingen oder Misslingen Sorgen zu machen. (Fokus hauptsächlich auf Teil  1: Yama )

Jnana Yoga ist der Weg, in dem die Erleuchtung über den Weg des tiefen Verstehens angestrebt wird.  Daher reflektiert jemand, der Jnana Yoga betreibt, sich selbst, die eigenen Taten und alles, was ihm begegnet. Im Laufe der Entwicklung durchschaut dieser Mensch die Spiele, die er und alle anderen spielen. Bewusstwerdung passiert. Weisheit entsteht: Wertungen werden unnötig und die Gegensätze treffen sich in der  Einheit. (Fokus auf Teil 2: Niyama)

Bhakti Yoga ist der Yoga der Hingabe, der Yoga, der MystikerInnen aller Religionen. Sie überwinden die menschliche Begrenztheit indem sie Gott ihre Herzen weit öffnen und letztendlich „gotterfüllt“ zur Erfahrung der Einheit gelangen. Die Mantren kommen aus dem Bhakti Yoga. Der Bhakti Yoga ist aus dem Integralen Yoga nicht wegzudenken.

Kriya Yoga ist ein Weg, der über Meditation zur Erleuchtung führt. (Fokus auf den Teilen 4 bis 8: Pranayama, Pratyahara,Dharana, Dyana, Samadhi). Das ist der eigentliche Yoga des Patanjali.

In den letzten 20 Jahren hat sich Yoga sehr schnell verbreitet und neue Yoga-Arten schießen wie Pilze aus dem Boden. Hier gilt es die Spreu vom Weizen zu trennen. Ich halte zum Beispiel Hormonyoga  für nützlich.

Integraler Yoga  – wie ich ihn unterrichte – integriert Elemente aller klassischen Yoga-Arten. Je nach Bedarf der Gruppe liegt in unterschiedlichen Yoga-Einheiten der Fokus auf einem anderen Bereich. Yama und Niyama finden ihre Beachtung und Reflexion in den Anfangs- und Endrunden. Die meiste Zeit wird mit Asanas und Pranayama verbracht. Schon da passieren Pratyahara, der Rückzug der Sinne, und Dharana. Konzentrationsübungen und Yoga-Nidra  (geführte Tiefenentspannung) unterstützen diese Entwicklung.  Für Dhyana und Samadhi braucht es viel Übung und/oder Gnade – winzige Erleuchtungsfunken werden uns allen immer wieder zuteil und ermutigen uns auf unserem Weg.